Thomas Bayrle
Opening: 4. November 2022, 7pm
November - February 2022

Text zur Ausstellung

Thomas Bayrle in der Galerie Johann Widauer

Die Symmetrie ist neben dem Seriellen der zentrale Gestaltungsmodus von Thomas Bayrles Bildkompositionen seit den 1960er Jahren. Die Positionierung der Figuren, die Einbettung der Fragmente in Räume, die Anordnung des Dekors unterliegt der Systematik der Symmetrie. Das Resultat eines solch rigiden Formalismus sind Bilder von extremer Synthetik, Ausformulierungen eines ikonographischen Systems, Ordnung als gesellschaftliches Organisationsprinzip zu visualisieren. Die Berechenbarkeit, die in der geometrischen Idealisierung der Dinge zum Ausdruck kommt, reduziert alles auf die mathematische Abstraktion. Alles wird zur Erscheinung, zum Sein mit Methode.

In seiner 1970 entstandenen Serie „Feuer im Weizen“ beschreibt Bayrle den weiblichen und männlichen Körper als Phantasma des Anderen. Sowohl die Entfremdung von der Natur als auch der anatomische Körper sind vollständig politisiert. Seine Visualisierung entsteht durch die ständige Wiederholung der heterosexuellen kulturellen Matrix verankerten Geschlechternormen. Bayrles serielle Darstellungen des Sexualaktes ist seine dialektisch visuelle Antwort auf den gesamtgesellschaftlichen Willen zur Mechanisierung des Organisch-Lebendigen Anfang der 1970er Jahre anzusehen, deren historischer Ausgangspunkt wiederum in der Aufklärung liegt. Der Mensch als Uhrwerk und Maschine waren Ausdruck einer Vergöttlichung des Instrumentellen und Kalkulierbaren. Der Mensch als Automat wurde als Idealbild gefeiert und sollte das reibungslose Funktionieren von Individuum und Gesellschaft garantieren. In direkter motivgeschichtlicher Herleitung aus der romantischen Phobie vor einer vollends mechanisierten Welt formuliert Bayrle in zahlreichen weiteren künstlerischen Arbeiten ein selbstreflexives System des Maschinellen, in dem Abbilder zu Marionetten und Ersatzteilen werden, in der Unterscheidungskriterien zwischen Abbild und Maschine obsolet geworden sind.

Die von Bayrle verneinte Freiheit des Individuums, wie sie in „Feuer im Weizen“ oder vielen weiteren Arbeiten visualisiert werden, sind Bestandteil eines übergeordneten ästhetischen Modells. Dieses Modell zerstört die Definition des Subjekts wie sie vom Diskurs der Aufklärung gesetzt wurde. Der Mensch ist doch nicht autonom, er ist teilbar und doch nicht einzigartig. Die Dekonstruktion des bürgerlichen Individuums findet bei Bayrle eine weitere ästhetische Gestalt in der Form vom Schablonehaften, die in nahezu allen seinen Werken präsent ist. Das Schablonenhafte ist entscheidender Bestandteil der Dissoziation des Subjekts. Im Schablonenhaften drückt sich der Zweifel des Menschen an der Einheit seiner Person aus.

Dem Selbstverständnis einer bürgerlichen Gesellschaft, die die Autonomie und Einzigartigkeit des Individuums als zentrale Größe ihres Menschenbildes voraussetzt, stellt Bayrle ein technokratisches Modell vom fremdbestimmten, verdoppelten und gespaltenen Menschen diametral entgegen. Der Künstler entlarvt den bürgerlichen Subjekt-Begriff als einen unzulänglichen Versuch, eine gesellschaftliche Einheit des Menschen zu beschwören, wo doch gerade durch diesen Zwang eine Spaltung ausgelöst worden ist. Bayrles Arbeiten sind sichtbare Kompositionen eines menschlichen Echos, seine Werke spiegeln die Aufklärung und die Krise des Ich von uns allen.

 

Thomas Bayrle an der Städelschule Frankfurt am Main

Im Oktober 1992 wurde ich Student an der kleinsten Kunsthochschule Europas, der Städelschule in Frankfurt. Mit nur 160 Studierenden war diese Einrichtung vergleichbar mit Hogwarts, eine Elite-Institution für ein paar Auserwählte.

Und einer ihrer Meister hieß Thomas Bayrle. Er lebt und arbeitet immer noch in Frankfurt, damals wie heute eine sehr ungewöhnliche Entscheidung. Aber somit war er permanent an der Fakultät zugegen und wurde innerhalb kürzester Zeit zum wichtigsten Einfluss und Bezugspunkt für zahlreiche Studierende, was auch die Anzahl der erfolgreichen Absolvent*innen seiner Klasse bestätigt.

Bayrles Klassenstruktur war so ausgerichtet, dass die Studierenden in ihren Interessen und ihren Begabung so entgegengesetzt wie möglich waren, da man an der Arbeit der Mitschüler *innen andere Möglichkeiten erkennt, sich kritisch mit ihnen konfrontiert und so die eigenen Mittel besser zu erschließen weiß. Die wöchentlichen Klassenbesprechungen und Analysen unter seiner Anleitung und am Beispiel der vorgestellten Arbeiten und Projekte sollte das Eigenständige der jeweiligen Position betonen.

Bayrle war davon überzeugt, dass man Kunst nicht lehren, sondern nur ein Milieu zur Verfügung stellen kann, in dem Kunst ermöglicht wird. In den wöchentlichen Klassenbesprechungen jeden Dienstag (die allen Student*innen offen stand) und Einzeltreffen (die jederzeit möglich waren) beschränkte er seine Kommentare zumeist auf schräge Anekdoten und paradoxe Beobachtungen.

Seine Student*innen lernten, kulturelle Mechanismen und Strukturen in Frage zu stellen, die solches Handeln begünstigen, fördern oder einschränken, und gleichzeitig ging es Bayrle darum, konkrete politische Machtverhältnisse zu thematisieren, in denen Realitäten und ihre Wirkungsweisen konstruiert und gelebt werden.

Ohne Übertreibung darf man feststellen, dass Bayrles Lehrprogramm eine differenzierte Auseinandersetzung mit den sich ständig verändernden Beziehungen von Repräsentation, Diskurs und Macht als auch eine kritische Revision des Begriffs Kultur an der Städelschule förderte. Ich z.B., durfte als Kuratoren-Rookie Mitte der 1990er einige seiner Ausstellungen kuratieren.

Er war auch der einzige Professor an der Hochschule, der die Student*innen motivierte, die Grenzen der einzelnen Felder von wissenschaftlichen, künstlerischen, kulturellen und politischen Praktiken produktiv zu überschreiten, im Sinne einer Verbindung der verschiedenen Kontexte. Alle Formen der Wissensproduktion und - vermittlung sollten produktiv genutzt werden. In seinen performativen Ausführungen ermunterte er die Studierenden unentwegt, die dichotomen Gegensätze zwischen Kunst/Kultur und Wissenschaft, Politik und Ökonomie aufzugeben, um eine permanente Interaktionen von kulturellen Sinngebungsprozessen und Wirkungsräumen individuellen menschlichen Handelns innerhalb dieser komplexen Beziehungen zu ermöglichen.

Bayrle korrigierte das nicht mehr adäquate Bild der Künstler*innen, das realitätsfremd im Schutzraum der Akademie konserviert wurde. Er erkannte, dass es angesichts veränderter gesellschaftlicher Aufgaben nicht mehr länger darum gehen konnte, dieses stereotype Bild des Künstlers/der Künstlerin weiter zu reproduzieren oder die Erfüllung der Wünsche ihrer Schüler nach Selbstverwirklichung als Künstler, zu unterstützten. Von Bayrles Geist profitiert die Städelschule noch heute.

Florian Waldvogel, 2022